Die Angst vorm Glück

Aktualisiert: Jan 17


Kann man vor dem Glück Angst haben? Wünschen wir uns nicht alle Glück?


Ich kenne diese Angst vor dem Glück und brauchte eine Weile um sie erkennen und, was viel wichtiger ist, mit ihr in guter Eintracht leben zu können.

Nehmen wir als Beispiel den heutigen Tag, der hervorragend anfing, denn ich habe sehr gut geschlafen, lang und tief, was keine Selbstverständlichkeit ist. Dementsprechend ausgeruht ging mir die Arbeit leicht von der Hand und als es auf Mittag zuging schob ich alle Gedanken an ein gesundes Mittagessen beiseite und gönnte mir eine köstliche, fette Pizza. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, machte ich mit dem Hund einen herrlichen Spaziergang, bei Sonnenschein und windstillen sieben Grad, durch den Park. Auf einer Wiese blieb ich stehen, schaute in den wolkenlos, blauen Himmel und dachte: „Das ist reines Glück“.

Jetzt stellen Sie sich vor, sie hören Ihr Lieblingslied auf einem alten Plattenspieler und plötzlich kratzt die Nadel quer über das Venyl. Nach dem schreckliche, kratzenden Geräusch ist es still und sie schrecken hoch. Genau so ging es mir auf der Wiese, denn ich dachte ungefähr eine halbe Minute nach meinem Glücksgefühl: „Hoffentlich passiert jetzt nichts. Hoffentlich gibt es kein Unglück.“

Das nennt man „Cherophobie“ oder „Fear ob Happiness“ und es zeugt von der Angst, dass auf etwas Gutes immer etwas schlechtes folgen muss. Das hat mit erlernten Glaubenssätzen zu tun („Nach Sonnenschein kommt Regen“), oder mit Wertmaßstäben, die man als Kind verinnerlicht hat und die einem suggerieren, dass man es nicht Wert ist glücklich zu sein.

Manche Menschen können sich sicher noch daran erinnern, wenn sie als Kind albern und ausgelassen waren, dass jemand in der Verwandtschaft, oder die eigenen Eltern missbilligend die Augenbrauen hoben und Sätze sagten wie: „Na, dir scheint es ja zu gut zu gehen.“ Was ein Kind mit dem Gefühl zurücklassen kann, „zu gut“ ist bestimmt nicht gut. Es wäre wohl besser, wenn es mir nicht so gut ginge.

Die Angst kann aber auch einzig aus dem Glauben entstehen, dass nach dem Gesetzt der Logik immer etwas Schlechtes auf etwas Gutes folgen muss. Also lässt man das Glück nicht zu, dann wird auch nichts Schlimmes passieren.

Das Glücksempfinden ist kulturübergreifend bei fast allen Menschen auf der Welt gleich stark ausgeprägt. Bei den Chinesen zeigt es sich in Wellen, weil es im Taoismus eher auf und ab geht. In anderen Religionen dominiert der Glaube daran, dass es immer besser werden kann und dauerhaftes Glück möglich ist.

Zu einem Teil spielen auch die Gene eine Rolle, denn es gibt resilientere Menschen, also Menschen die Schicksalsschläge besser wegstecken als andere, weniger robuste Naturen und die es trotzdem immer wieder schaffen glücklich zu sein.

Egal aus welchen Quellen sich die Angst vor dem Glück speist, sie zeigt sich dadurch, dass man sich nicht traut sein Glück zu genießen. Es scheint wie eine Art Aberglaube der besagt, dass offiziell gefühltes und gezeigtes Glück, das Böse oder den Neid herausfordert.

Das erinnert mich an die Sitte bei Beerdigungen schwarze Kleidung zu tragen. Bis ins 19. Jahrhundert gab es keine farbliche Beschränkung bei Trauerfeiern. Allerdings trugen Menschen die gegenüber dem Toten ein schlechtes Gewissen hatten, eher dunkle Kleidung, da man davon ausging, dass der Geist des Verstorbenen sich unter die Trauergäste mischt und diejenigen, die ihm Leid zugefügt haben, bestraft. Dieser Glaube verbreitete sich so stark, dass sich irgendwann alle Menschen dunkel kleideten, um ja nicht dem Geist des Toten ins Auge zu fallen, auch wenn ihr Gewissen rein war. Daraus entstand zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein Dresscode der besagt, auf Beerdigungen trägt man schwarz.


Was macht man nun gegen diese Angst vor dem Glücklichsein?

Experten sind sich nicht einig und es gibt keine langfristigen Studien über dieses Phänomen, daher kann ich hier nur anführen was mir geholfen hat. Das Geld für Glücksratgeber können Sie getrost sparen und sich für das Geld lieber ein paar glücklichmachende Portionen Eis kaufen.


In unserer Familie gab es einige Schicksalsschläge, mit langfristigen Konsequenzen, die tiefe Wunden hinterlassen haben. Grundsätzlich kann jedem Menschen alles schreckliche zu jeder Zeit passieren. Dem Schicksal ist es dabei vollkommen egal ob der Mensch, dem der Schicksalsschlag widerfährt gerade glücklich oder unglücklich ist. Ob das, über alles geliebte Kind einen Unfall hat oder nicht, hat nichts mit unserer Stimmung zu tun, sondern einzig etwas mit der Verkehrssituation in der sich das Kind befand. Wenn ein geliebter Mensch mit dem Flugzeug abstürzt, oder unheilbar an Krebs erkrankt geschieht dies nicht um uns zu bestrafen. Es geschieht nicht, weil Sie oder ich gerade glücklich sind oder waren.

ES GESCHIEHT EINFACH!

Man kann sich nicht davor schützen. Auch den vorsichtigsten Menschen können schreckliche Dinge widerfahren, manchmal sogar mehrmals hintereinander. Sofort steht die Frage nach dem „Warum“ im Raum, die wir nie beantworten können. Aber eines können wir mit Sicherheit sagen: Es passierte nicht, weil wir gerade glücklich waren.

Ich lasse mein Glück heute zu und genieße ist, egal ob es von kurzer oder längerer Dauer ist. Ich genieße es in vollen Zügen und versuche es lange in Erinnerung zu behalten, damit ich mich an etwas schönes erinnern kann, wenn es mir einmal schlecht geht und damit ich nie vergesse: Nach jedem Regen kommt auch wieder Sonnenschein. Als mir der Gedanke vorhin auf der Wiese kam, musste ich schmunzeln, habe den Kopf geschüttelt und war einfach weiterhin glücklich.

Jeder Mensch hat soviel Glück verdient wie er bekommen kann, denn nur wer glücklich ist, kann auch teilen und gönnen.



Wer mehr über diese Phänomene erfahren möchte, dem empfehle ich diesen sehr informativen Artikel von Hanna Drimalla (Psychologin): https://www.spektrum.de/news/die-angst-vor-dem-gluecklichsein/1348921

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