Glaubenskrieg am Futternapf

Aktualisiert: Jan 7


Grundsätzlich ist es mir egal was, wann und wieviel ein Mensch isst. Das ist Privatsache. Schwierig wird es nur, wenn immer mehr Freunde und Verwandte auf ihre unterschiedlichen Essgewohnheiten beharren.

Wenn ich früher eine Diät machte und Oma lud zum Sonntagsbraten mit Knödeln ein, dann wäre es mir unangenehm gewesen, sie auf dem - mit viel Liebe - zubereiteten Essen sitzen zu lassen. Ich aß dann eben etwas weniger als sonst und setzte am nächsten Tag meine Diät fort. Genau so hielt ich es mit Einladungen zum Abendessen von Freunden. Da diese nicht täglich stattfanden, konnte ich immer eine Ausnahme machen.

Ausnahmen sind aber zur Zeit nicht mehr erlaubt. „Gehen wir nach dem Kino noch was trinken?“ Meine Freundin seufzt: „Sorry, nach achtzehn Uhr esse und trinke ich nichts mehr. Beim nächsten mal vielleicht wieder.“

Meine Cousine antwortet auf meine Einladung zum Abendessen folgendes: „Du, mach bitte keinen Aufwand. Ich esse keine Kohlenhydrate mehr und auch sonst nichts was viele Punkte hat. Mache wieder Weight Watcher. Stell mir einfach ein bisschen Grünzeug und ne Falsche Wasser hin, dann bin ich glücklich.“

Super, ich aber nicht. Wenn ich zum Abendessen einlade, dann doch weil ich gerne etwas schönes koche und es danach noch lieber, mit ein paar Gläsern Wein, verzehre. Sitzt da jemand bei Wasser und drei Mörchen, verdirbt mir das den Appetit und die Stimmung. Obwohl ich nichts gegen Wasser habe und durchaus verstehe, wenn jemand nichts trinken möchte. Aber mit heroischer, überlegener Leidensmiene der Gastgeberin beim Essen zu zuschauen, ist nicht nett.

Neulich mieteten wir mit guten Freunden ein Ferienhaus im Süden. Wie immer deckte ich, am ersten Morgen, den Frühstückstisch für vier Personen. „Du, für uns brauchst du nicht mit zudecken. Wir essen frühestens ab 11 Uhr etwas. Das machen wir jetzt seit einem halben Jahr und das bekommt uns einfach besser.“

Na gut, dachte ich. Jeder wie er mag. Leider konnten wir tagsüber nichts gemeinsam unternehmen, da unsere Freunde sich erst gegen Mittag ihr aufwendiges Frühstück, ohne Kohlenhydrate versteht sich, zubereiteten und daher nicht vor dreizehn oder vierzehn Uhr das Haus verlassen konnten. Da waren mein Mann und ich schon lange auf Erkundungstour unterwegs. Immerhin, zum Abendessen kamen wir täglich zusammen und da gab es auch keine Einschränkungen.

Was ist da eigentlich los? Warum müssen denn jetzt alle gleich ticken? Und warum haben alle Leute, die sich nicht an die gerade aktuell modernen Essensregeln halten, das Gefühl als willensschwach dazustehen? Und warum ist niemand mehr zu Kompromissen und Ausnahmen bereit?

Die Antwort ist einfach und kompliziert zugleich. Ein Freundeskreis ist weitestgehend homogen. Will heißen, die Freunde und man selber bewegen sich häufig auf einem sehr ähnlichen Bildungs- und Finanzniveau. Mal kauft sich der eine ein neues Auto, mal macht der andere eine tolle Reise. Interessen und Vorlieben liegen auf einer gemeinsamen Welle. Wirklich herausragen aus dem Einheitsbrei kann man nur noch mit Leistungen, die den meisten Menschen schwer fallen oder sogar unmöglich sind.

Vor ein paar Jahren fielen darunter häufig Extremsportarten. Einmal am New York Marathon teilnehmen, Fallschirmspringen, durch Tibet wandern oder Helikopter-Ski fahren. Damit sorgte man für Staunen und brachte das eigen Image zum glänzen. Doch seit jeder sein Abenteuer bei Jochen Schweizer buchen kann, ist da auch die Luft raus.

Zur Zeit wird der Asket zum Helden unserer Überflussgesellschaft. Schaut her, ich kann mir alles kaufen, aber ich brauche das nicht. Die wenigen Lebensmittel die ich noch zu mir nehme, kaufe ich natürlich in höchster Bio-Qualität. Klasse statt Masse. Ich lebe besser und gesünder als ihr, denn ich habe, im Gegensatz zu euch, das Wissen und die mentale Stärke.

„Ach, du schaffst es nicht sechzehn Stunden nichts zu essen? Ich bitte dich, alles eine Frage der Übung und des Willens. Natürlich schaffst du das, du musst es nur wollen.“

Eine solche Aussage ist natürlich absoluter Blödsinn. Wer körperliche Arbeit leistet und den ganzen Tag auf den Beinen ist, braucht Nahrung. Gute Nahrung und am besten regelmäßig. Wer krank ist und regelmäßig Tabletten nehmen muss, kann aus seinen Ernährungsgewohnheiten keinen Abenteuerspielplatz machen. Hinzu kommt, dass jeder Organismus Nahrung anders verarbeitet. Bringt dem einen der Verzicht auf Kohlenhydrate Energie und eine schlanke Taille, bricht bei einem anderen dagegen der gesamte Stoffwechsel zusammen.

Nehmen wir das Beispiel Müsli. In jedem Bericht über gesunde Ernährung wird uns suggeriert, dass ein Müsli, oder ein Porridge die gesündeste Art ist in den Tag zu starten. Natürlich nur die gesunde Variante, ohne Zucker, Milch, Schokolade und nur mit frischem Obst.

Ich liebe Porridge seit meiner Kindheit, vertrage es aber nicht. Selbst die kleinste Portion des gesündesten Porridge sorgt bei mir für ein Suppenkoma am frühen Morgen. Ich fühle mich schlapp, träge, ohne Energie und möchte mich am liebsten gleich wieder ins Bett legen. Außerdem habe ich eine Stunde später schon wieder Hunger, obwohl mein Magen noch gefüllt ist.

Ein leckeres Butterbrot, egal ob Weizen oder Vollkorn, mit Käse oder Marmelade gibt mir dagegen die Energie die ich brauche. Ich fühle mich fit und wach und kann bis zum Mittag auf weitere Nahrung verzichten. Nur leider kann ich damit in Sachen gesunder Ernährung nicht punkten. Ich bleibe trotzdem dabei.

Mein Fazit: Ich lasse mich von den gängigen Trends und den tapferen Nahrungsmittelverweigerern nicht einschüchtern. Ob Vegan, Palio, Low Crab oder intermittierendes Fasten, nächste Woche läuft wahrscheinlich wieder eine andere Sau durchs Dorf. Ich höre auf meinen Körper, esse was ich vertrage und was mir schmeckt. Auch „Ungesundes“, denn die Menge macht das Gift.

Letzten Samstag waren wir mit Freunden gemeinsam in einem netten Restaurant. Lecker Essen, hervorragender Wein und tolle Gespräche. Das Leben kann so schön sein.

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