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Muss man denn alles können? Schöner scheitern mit dem Fahrrad.


Jedem Menschen ist irgendwas peinlich. In den meisten Fällen unbegründet. Wenn man sich als Sechsjährige, beim Seilchenspringen in die Strumpfhose pieselt, nötigt das den Erwachsenen ein nachsichtiges Lächeln ab, für das Kind ist es der Supergau. Nachvollziehbar. Sowas dämliches passiert einem nur einmal, das kann ich Euch garantieren.


Als Erwachsener wird man etwas lockerer. Fehler und Unachtsamkeiten passieren. Man lacht über vieles (manchmal zähneknirschend). Wir sind ja alle nur Menschen. Allerdings leben wir in einer Leistungsgesellschaft und etwas nicht zu können, was scheinbar alle Anderen mit Leichtigkeit fertig bringen, ist einem häufig richtig peinlich. Man hält sich für blöd, ungeschickt, untalentiert und schämt sich. Mir ging es so beim Thema Fahrradfahren. Was für ein Blödsinn.


Als Teenager kaufte ich mir ein echt cooles Damen-Rennrad. Das war eine wirkliche Schönheit und ich erledigte damit alle meine Wege und war stolz auf das schöne Gerät. Wohlgemerkt, ich erledigte meine Wege. Fahrradfahren war für mich von je her Mittel zum Zweck. Ob mir das Fahrradfahren Spaß machte, spielte keine Rolle und ich dachte auch nicht darüber nach. Ich musste von A nach B und das Rad war häufig die beste Lösung.

Nur zu Fahrradtouren konnte ich mich nicht aufraffen. Da lag mir das Wandern näher. Ich bin von Natur aus eine Läuferin und gehe wahnsinnig gerne zu Fuß.

Irgendwann bekam ich ein nettes, kleines Auto und das Fahrrad führte ein einsames Kellerdasein.


Als wir an den Stadtrand zogen, meine Tochter war noch sehr klein, weckte ich mein Rädchen aus dem Dornröschenschlaf. Alle Mütter in meiner Umgebung fuhren mit dem Rad. Zum Einkaufen, in den Kindergarten und zu Verabredungen. Die meisten hatten einen Kindersitz auf dem Gepäckträger und manche auch noch vorne einen Sitz auf dem Lenker.


Ich radelte ebenfalls munter los, verlernt man ja nicht, dachte ich. Bezüglich der Technik stimmt das auch. Draufsetzen und in die Pedale treten. Aber ich war unsicher in unseren engen Straßen. Egal wie weit ich rechts am Bordstein entlang fuhr, die PKW's kamen mir unangenehm nah. Manchmal auch die mittelalten Herren in Ganzkörperkondomen auf sehr schmalen Rennrädern, die mich locker beim Überholen zu Seite kickten. Links Abbiegen auf einer viel befahrenen Strasse ging gar nicht. Ich stieg ab, stellte mich an den Straßenrand und überquerte die Strasse, nachdem eine Lücke im Verkehrsfluss entstand.


Das ganze auch noch mit einem Kindersitz auf dem Gepäckträger zu bewältigen, schien mir grob fahrlässig bei meinen Fahrkünsten. Aber ich schlug mich durch. Nach und nach bemerkte ich, dass mich das Radfahren aggressiv machte. Nicht nur das Fahren alleine, bereits der Gedanke daran gleich aufs Rad steigen zu müssen, konnte mir die Laune nachhaltig verleiden. Ich hasste Treffen mit Freundinnen die angekündigt wurden mit: Wir treffen und da und da und fahren dann zusammen mit dem Rad zur Kneipe. Immer häufiger sagte ich, ich käme mit dem Auto nach. "Aber warum fährst du denn nicht mit dem Fahrrad? Das ist doch viel bequemer und du kannst was trinken."


Ehrlich? Ich kam mir so blöd vor. Warum fand nur ich es stressig, mich in einer Gruppe radelnder Frauen auf dem engen Fahrradweg einer viel befahrenen Strasse zu tummeln. Unachtsamen Fussgängern, quer parkenden Autos ausweichend und dabei von fluchenden Schnell-Rad-Fahrern überholt zu werden. Nicht selten zitterten mir bei der Ankunft die Knie und ich hätte mir gerne ein paar Gläser zu Beruhigung genehmigt, aber ich wollte ja noch lebend nach Hause kommen.


Irgendwann kapitulierte ich. Bei Nachfragen sagte ich, dass ich Radfahren nicht mag und erntete ungläubiges Kopfschütteln. Egal.


Mein Harmonie-Gen möchte es im Straßenverkehr jedem Recht machen. Als Autofahrerin passe ich mich dem Verkehrsfluss an, halte mich an die Vorfahrtregeln und drängel nicht rum. Die Straße ist nicht mein Eigentum und ich nutze sie nicht als meinen persönlichen Truppenübungsplatz, auf dem ich dem Feind mal zeigen kann, wo die Ziege die Milch hat. Als Radfahrerin bin ich ungerne im Weg, möchte ich niemanden behindern und beharre ich nicht auf meinen Rechten. Denn Tod ist Tod und meine Seele wird wahrscheinlich nicht über meinem toten Körper schweben und denken: Schade, hätte gerne noch weitergelebt, aber immerhin war ich im Recht.


Kurz und gut, ich bin zu feige für das Radfahren in der Stadt. Vielleicht ändert sich das, wenn es mal zweispurige Radwege in die Stadt gibt. Man muss nicht alles können. Habt Mut zur Lücke.


Eurer

Fahrrad-Softegg

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