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Schöner scheitern in den 70ern

Aktualisiert: Jan 23




Der Film „Udo Lindenberg - Ich mach mein Ding“ ist nicht nur ein Biobic über einen interessanten Mann und hervorragenden Künstler, sondern eine Zeitreise in die späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre. Ich muss gestehen, bei mir kam kurz ein wenig Sehnsucht auf. Nein, nicht nach den Fototapeten, Schlaghosen, Plastik-Hemden oder den orangefarbenen Telefonen im Barock-Mäntelchen. Es ist eher eine Sehnsucht nach dem Einfach-sein-dürfen.

Man konnte sich ausprobieren, scheitern, wieder aufstehen und es erneut versuchen, ohne Instergram- oder Facebook-Dokumentation. Was man so trieb wußten nur Freunde und die Familie, wobei die eigenen Eltern meistens weniger informiert waren. Keiner wurde gleich als Säufer oder Junkie abgestempelt, wenn er/sie es mal eine Zeitlang krachen ließen. Sex hatte noch was mit Spaß zu tun, denn es gab die Pille, viele Festivals und noch kein Aids. Die Miniröcke waren so kurz, dass man sie heute als Gürtel tragen würde und ohne BH wurde man nicht gleich als Schlampe bezeichnet.

Ja, es lag wohl eine Menge Freiheit in der Luft bei gleichzeitiger Vollbeschäftigung und geringen Sozialversicherungskosten. Mieten und Lebenshaltungskosten waren erschwinglich, samstags wurde das Auto gewaschen und in den Ferien fuhr man in die Berge oder nach Holland.

Natürlich war nicht alles besser und ich bin keine Vergangenheitverklärerin. Frauen bekamen erst 1974 das Recht ohne Einwilligung ihres Ehemanns arbeiten zu gehen und waren auch sonst häufig benachteiligt. Das Modell Ehe-Haushalt-Kindererziehung gehörte noch zur Normalität, aber frau konnte sich vorher wenigstens ein bisschen austoben.

Woran es in den Siebzigern gänzlich fehlte war: Perfektion. Alles war irgendwie im Werden, im Entstehen, musste sich noch finden. Die Achtundsechziger brachten das Spießertum ins Wanken, neue Gesellschaftsformen mussten sich erst definieren und genau dort lag die Freiheit der Menschen. Sie konnten sich ausprobieren ohne gleich einen Businessplan vorlegen zu müssen. Mir kommt es so vor als müsste heute jede Handlung einen Nutzen, zumindest einen Sinn haben.


Ah, du willst die Welt sehen, dann mach ein Soziales Jahr in Südamerika, das macht sich gut in deiner Vita. Wenn du alles gut dokumentierst und postest, kannst du noch ein bisschen Geld nebenbei verdienen und wenn du wieder da bist, schreibst du ein Buch. Du sitzt eh die nächsten vier Jahre permanent am Schreibtisch, bis deine Masterarbeit in trockenen Tüchern ist und du deine Karriere starten kannst.

Feiern? Naja, das kannst du machen, aber willst du das deiner Gesundheit wirklich zumuten? Alkohol, Nikotin und die diversen Drogen in den Clubs sind doch so gesundheitsschädlich. Außerdem musst du gut aussehen und fit sein. Geh in deiner knappen Freizeit lieber Joggen oder in die Muckibude und gib dein Geld für vegane Biolebensmittel aus. Wenn es sein muss, kannst du ja ab und an ausschlafen, obwohl erfolgreiche Menschen jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen, denn daran erkennt man die Siegertypen.

Alles muss immer perfekt sein. In den Siebzigern ging ich einfach mit unserem Mischling raus, traf andere Menschen mit Mischlingen (wahlweise: Dackel, Pudel, Boxer oder Spaniel), man unterhielt sich und ging auseinander. Heute treffe ich Menschen mit perfekt gestylten Rasse-Doodles, oder perfekt gestylten Straßenkötern aus Andalusien, die vielleicht lieber weiter aus ein paar Mülltonnen fressen würden, weil ihnen das gebarfte Vollwertfutter auf den kleinen Hundemagen schlägt. Aber vor allen Dingen müssen sie sich benehmen und sollten sich möglichst in ihrer trendigen Outdoor-Garderobe nicht im nächsten Schlammloch wälzen.

Ach, ich rege mich auf, aber da fällt mir noch so viel ein. Nehmen wir zum Beispiel die heutigen Vollzeitmütter. Die gab es in den Siebzigern natürlich noch häufiger und sie zeichneten sich dadurch aus, dass sie froh waren, wenn der Nachwuchs nachmittags auf der Straße spielte und sie ihre Ruhe hatten. Wenn ich nach den Hausaufgaben mal nicht sofort auf die Straße stürmte, fühlte meine Mutter sofort meine Stirn und fragte: Bist du krank? Geht es dir nicht gut? Wenn ich ihr sagte, dass alles okay sei, hieß es nur: Na, was hockst du denn hier rum? Geh an die frische Luft. Ich ging raus und sie trank mit der Nachbarin Kaffee, gerne mit einem Eckes Edelkirsch.


Können Sie sich das heute vorstellen? Um Gottes willen. Die Mütter in meiner Umgebung sind austrainierte Ernährungsexpertinnen mit einem Interieur-Diplom, die ihren Lifestyle mit ihrem kleinen Job als Influenzerin finanzieren. Das die Kinder perfekt, die vier Urlaube im Jahr atemberaubend sind und die andalusische Flohschleuder bildschön ist, muss ich hier nicht erwähnen.


Okay, ich höre jetzt auf damit, denn mein Blutdruck steigt. Was ich mir wünschen ist ein bisschen mehr Lässigkeit. Laßt die Leute doch sinnlosen Hobbys nachgehen und einfach nur Spaß haben. Nicht aus jeder selbstgenähten Tasche muss gleich ein Business werden und nicht jede gute Idee sofort in einem Startup münden. Man ist kein Versager, wenn man seine Ferien lieber im bayrischen Wald, statt auf den Galapagos Inseln verbringt. Laßt das Auto auch mal stehen, wenn ihr auf eine Party geht und trinkt euch einen, um dann am Sonntag, mit Aspirin und Netflix, gemütlich den Kater zu beklagen. Manchmal ist es das einfach wert. An eine durchzechte Nacht mit guten Freunden werdet ihr euch im Altenheim erinnern, an eure hundertste Joggingrunde am Sonntag Morgen nicht.

PS.: Sie würden ja gerne, aber trauen sich nicht? Also hier, unter aller Augen. Dann machen Sie doch mal Urlaub in England auf dem Land. Alkohol und ungesundes Essen sind dort alternativlos. Man kann dabei sogar in Jogginghose, rauchend vor dem Pub sitzen, mit einem Pint in der Hand, über schlechte Witze lachen, nette Menschen treffen und niemand guckt einen blöd an. Herrlich.

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